Ekkehard: schwerer Unfall in Armenien

Liebe Pilotinnen und Piloten,
die meisten von Euch habe von meinem Unfall schon gehört. Mir ist es wichtig, euch noch einmal persönlich zu informieren. Information statt Gerüchte.

Die Fakten:

zu einem gemütlichen abendlichen Soaringflug gestartet, ereignete sich ein einseitiger Strömungsabriss auf der rechten Flügelhälfte. Die Konsequenz war eine 360° Negativdrehung (trudeln), die mit Aufschlag in den Hang in einer Rückwärtsbewegung endete. Die Aufschlaggeschwindigkeit schätze ich zwischen 30 und 40km/h (Geschwindigkeit aus der Negativdrehung plus Wind). Aufschlag weitgehend auf Protektor.

Verletzungen: Schambeinbruch rechts, 4 Brustwirbel eingebrochen, Kreuzbeinbruch. Alle Brüche sind auf der "Sunny Side" - keine Nerven betroffen, keine Verschiebungen der Knochen. Daher keine Operationen erforderlich.

Prognose:

keine bleibenden Schäden, Entlassung aus dem Krankenhaus voraussichtlich zwischen 26. und 29.9. Volle Belastbarkeit wird gegen Anfang/Mitte Dezember wieder hergestellt sein.

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Der Umgang mit Unfällen in Flugschulen

Wahrscheinlich sagt jede Flugschule über ihren Aus- und Weiterbildungsbetrieb, dass Sicherheit an erster Stelle steht und Unfälle daher sehr unwahrscheinlich sind. Und wenn doch ein Unfall passiert? Schlechte Presse, die das Geschäft schädigen könnte? Lieber Totschweigen? Welche Kommunikationsstrategie ist zielführend? Die meisten unserer Kollegen entscheiden sich für totschweigen. Ist ja irgendwie am einfachsten. Niemand muss sich Gedanken machen, was kommuniziert wird, da ja alle die Klappe halten. Für mich gibt es mehrere Gründe, mich anders zu verhalten: 

1. Gerüchte sind schneller als das Licht, totschweigen funktioniert nicht

2. Flieger stellen sich spezifischen Risiken. Wer die Augen davor verschließt, kann auch keine Maßnahmen zur Vermeidung von Risiken treffen.

3. Störungen und Unfälle sollten dazu anregen, eigens Verhalten in der Luft zu reflektieren. Solche Vorfälle können Lernmöglichhkeiten sein, die helfen schwierige Situationen zu meistern und Unfälle zu vermeiden.

4. Sicheres Fliegen setzt aktiven Umgang mit Risiken voraus. Wie können wir unseren Schülern das vermitteln, wenn wir Unfälle totschweigen?

5. Seien wir ehrlich: Wenn jedes Jahr 5 Piloten tödlich verunglücken und wir in Deutschland 30.000 Piloten haben: jeder/jede 6000ste. Und: Bergwandern, Segeln, Surfen, Reiten sind ähnlich gefährlich. Wer da wirklich sicher sein will, muss es halten wie Winston Churchill: NO SPORTS

 

 

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Was hat zu dem Unfall geführt?

Schön gestartet zu einem ruhigen abendlichen Soaringflug habe einige Soaringschleifen am Hang geflogen. Während der zweiten Kurve erwischte mich eine für die Tageszeit ungewöhnlich starke Ablösung. Es ereignete sich ein Strömungsabriss am Aussenflügel mit Bremsstellung ca. Schulter +  5cm. Mutmasslich können zwei Szenarien eine Erklärung dafür sein:

1. Die am Hang entlangströmende Luft änderte ihre Richtung durch Ablösung vom Hang nach oben, so dass sich für den Flügel aus meteorologischen Gründen der Anstellwinkel massiv veränderte.

2. Ein unerkannter Verhänger in den Galerieleinen. Wir werden die Ausrüstung, sobald sie wieder hier ist, überprüfen.

3. Meine Reaktion, die Aussenbremse freizugeben, erfolgte nicht zügig oder nicht konsequent genug.

4. Die Höhe war mit ca. 20m über Hang zu niedrig für den Notschirm. Die Ausleitung der Negativdrehung über einen Fullstall kam auf Grund der niedrigen Flughöhe ebenfalls nicht in Betracht.

 

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Das persönliche Erlebnis

Mit dem markanten Steuerdruckabfall auf der rechten Seite und der beginnenden Negativdrehung war klar: Disaster. Ein kurzer Blick nach unten: Notschirm sinnlos. Auf den letzten 120° der Negativdrehung wurde klar, dass der Einschlag in den Hang kurz bevor stand. Gleichzeitig wurde mir die hohe Geschwindigkeit bewusst: Akute Lebensgefahr bzw. Gefahr von Verletzungen mit bleibenden Schäden. Bei der Negativdreheung erfolgt der Einschlag rückwärts zum Hang und damit ggf. auf dem Protektor. Ich habe daher versucht das Gurtzeug so zu drehen, dass der Aufschlag möglichst gerade auf dem Protektor erfolgt.

Sekunden später schlug ich die Augen wieder auf. Atmung funktioniert, akzeptable Schmerzen im Nacken und Becken/untere Wirbelsäule. Checken, ob Gefühl und Bewegungsfähigkeit überall gegeben ist. Überlebt und keine Lähmung - Wow.

Die nächste Aufgabe: Jetzt nichts schlimmer machen, nicht bewegen, nicht aufstehen. Rettung organisieren.

 

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Rettungskette

Glück im Unglück: Der Unfall passierte am Starthang, also war Hilfe nicht weit. Einige Minuten später waren schon Armine, unsere Rückholerin, Andranic, unser Fahrer und zwei Piloten bei mir an der Unfallstelle, Sie überprüften meinen Bewusstseinszustand, fragten nach Bewegungsfähigkeit / Lähmungen überprüften Puls, checkten nach offenen Verletzungen. Vorbildliche erste Hilfe, Patient zunächst stabil. Nächste Aufgaben:

• Bergrettung ohne weitere Schädigung der Wirbelsäule

• Abtransport vom Berg

• Transport nach Erivan ins Traumacentrum

• CT

Über Funk konnte ich diese Aufgaben Harut unserem Guide übermitteln, der im nächsten Ort einen geländegängigen Krankenwagen organisieren konnte. Alternative wäre gewesen, die Trage aus dem Krankenwagen mit einem unserer geländegängigen Autos hochzubringen und den Transport dann mit diesem Fahrzeug durchzuführen. Ca 30min später stand die dreiköpfige Besatzung des Krankenwagens vor mir. Die nächste Hürde war, mich ohne weitere Verletzungen zu verursachen auf die Trage zu bekommen. So war es beruhigend, dass eine Frau des Rettungsteams Ärztin war, die dafür gesorgt hat, dass ich mich einige Minuten später in genau der gleichen Stellung auf der Trage befand. Im Krankenwagen wurde ich in das nächste lokale Erste Hilfe Zentrum gebracht. Dort untersuchte man mich mit einem Ultraschallgerät auf innere Verletzungen und mit einem einfachen Röntgengerät auf Wirbelsäulenverletzungen. Ergebnis war, dass ich den Transport nach Erivan antreten konnte, wo schon dass CT Gerät für eine eingehendere Untersuchung wartete. Eine Stunde später hatte ich meine für die Umstände spektakulär gute Diagnose - keine OP erforderlich. Der nächste Schritt war dann die Organisation des Rücktransports durch die Luftrettung des ADAC. Die ADAC Bürokratie verlangt auch von einem Verletzen viel Humor, aber die Leistung ist am Ende beeindruckend: Transport im Ambulanz Jet (Learjet 60XR) nach Tegel und von da aus ins führende Krankenhaus in Berlin: Dem Traumazentrum Unfallkrankenhaus Berlin Marzahn.

Was war hilfreich?

Es hat sich sehr bewährt, dass wir den Fall der Fälle bereits bei unserer Scouting Reise mitgedacht und vorbereitet haben. Zusammen mit unserem Partner haben wir bereits das Krankenhaus in Erivan ausgesucht und einen Kooperationsvertrag verhandelt. Unser Partner Arvetic von Araratours hat sich um alles rund um die Versorgung gekümmert. Ich bin von einem deutschsprachigen externen Pflegedienst betreut worden und von einem Cateringservice versorgt worden, da in Armenien die Pflege und Verköstigung normalerweise von der Familie durchgeführt wird und im Krankenhaus nicht in guter Qualität bereitgestellt wird. Rücktransport mit ADAC, versichert durch die Plus Mitgliedschaft, unverzichtbar. Meine Krankenhauszusatzversicherung zur normalen gesetzlichen Versicherung sorgt zur Zeit dafür, dass ich hier im Unfallkrankenhaus Berlin erstens perfekte medizinische Versorgung genieße und darüber hinaus einen Versorgungs- und Pflegedienst genieße, der einem 5 Sterne Hotel gleichkommt.

 

Und...

ich habe dem Filmteam des RBB, das bei meiner Ankunft einen Beitrag über das Unfallkrankenhaus Berlin produzierte, ein Interview gegeben. Der Sendetermin ist irgendwann im Oktober.

Konsequenzen für den Schulungsbetrieb:

Voraussichtlich kann ich erst ab Mitte Oktober eingeschränkt als Fluglehrer arbeiten. Zunächst kein Problem, da die meisten Dinge, die ich in diesem Rahmen tue auch von meinen Kollegen durchgeführt werden können.

Einzige Ausnahme ist die Paramotorschulung. Ich werde mit Euch diesbezüglich persönlich Kontakt aufnehmen, um die angefangenen Ausbildungen so früh wie möglich weiter zu führen.

Und Insgesamt:

Jeder Mediziner, der meine Bilder gesehen hat, hat mich zu meinem Schutzengel beglückwünscht. Das hätte anders ausgehen können. Ganz sicher ein Ereignis, das mir die Endlichkeit des Lebens ganz nah vor Augen geführt hat. Ich bin sehr glücklich, das ich noch da bin und wieder gesund werde. 

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