Armenien - Blick auf den Aragads aus 4000 m

Nächste Reise vom 8.-16. Juli 2017
Sechs Piloten aus Deutschland und der Schweiz machten sich 25. Juni 2016 zusammen mit Ekkehard und mir (Dagmar) von der Norddeutschen Gleitschirmschule auf den Weg, um die Fluggebiete im armenischen Kaukasus zu erkunden. Sonntag morgen, pünktlich um 4:00 Uhr wurden wir vom Flughafen in Jerewan abgeholt und in unsere Pension am Rande der Stadt gebracht. Aufgrund der Berichterstattungen über die Kämpfe in Bergkarabach hatten wir lange gezögert, ob wir überhaupt fahren sollten. Aber unsere Partner und andere Armenienreisende hatten uns immer wieder versichert, dass es im Landesinneren sicher ist und uns keine Gefahr droht. Sie sollten Recht behalten. Wir konnten uns überall frei bewegen und egal wo wir hinkamen, wurden wir freundlich empfangen. Die Polizei war nur bei Verkehrskontrollen präsent und Militär haben wir überhaupt nicht gesehen.

Startplatz am Sevansee
Startplatz am Sevansee

Nach einer kurzen Nacht wurde uns ein wunderbares Frühstück serviert. Lawasch, das orientalische Fladenbrot, frische Kräuter, Obst und Gemüse gab es zusammen mit landestypischen Wurst und Käsesorten. Mit selbstgemachte Marmelade und Fruchtsäfte rundete unsere Wirtin den Service ab.

 

Da wir die Zeit zwei Stunden vorstellen mussten, hielt sich der Jetlag in Grenzen. Die Sonne strahlte, der Wind passt; also hieß das Motto: FLIEGEN gehen.

Hatten wir bei unserem Kurzausflug im Oktober die tollen Start- und Landeplätze und die beeindruckenden Ausblicke auf die weitläufigen, sanft geschwungenen Bergketten bewundert, so überraschte uns jetzt die Natur mit ihrer überbordenden Üppigkeit. Ob am Start- oder am Landeplatz stapften wir durch Kräuterwiesen mit tausenden von Blüten. Es duftete nach Salbei, Thymian und anderen Gewürzen.

 

 

Harut
Harut

Am Sevansee waren wir nicht allein am Startplatz. Ein paar einheimische Piloten zeigten uns ihr Fluggebiet. In Armenien gibt es nur eine kleine Gleitschirmszene von ca. 10 aktiven Piloten. Drei von ihnen verdienen sich ihren Lebensunterhalt als Tandempiloten. Der Sevansee als touristisches Zentrum ist eines ihrer wichtigsten Fluggebiete. In der Hauptsaison landen die Tandems oberhalb des Startplatzes auf der breiten Hochebene top um neue Passagiere aufzunehmen. Harut unser einheimischer Guide ist einer dieser Tandempiloten und gleichzeitig DER Fluglehrer in Armenien.

 

Gegen 15:30 Uhr waren wir alle in der Luft. Ob am Hang oder im Tal, überall hat es getragen. Nach über drei Stunden gingen wir erschöpft aber glücklich landen.

Zum Abschluss des Tages kehrten wir in ein Fischrestaurant direkt am Ufer des Sees ein und genossen die Kräuter und Salate, die leckeren Vorspeisen und vor allem den frischen, gegrillten Fisch.

Am Fuße des AraratAm Montag waren wir in Genevia, einem der heißesten Gebiete Armeniens. Vor der Silhouette des Ararat zu soaren ist schon beeindruckend. Leider hat er seinen Gipfel wie meist mit Dunst und Wolken verhüllt.
Patrick und Ekkehard haben den Luftraum stundenlang erforscht, für die Anderen waren es ein paar verlängerte Abgleiter. Anna wählte einen Landeplatz direkt neben einem Aprikosenhain. Jens und ich sind in ihr Nähe gelandet. Im Schatten der Bäume lud uns ein Bauer zu Kaffee und Kefir ein. An Aprikosen konnten wir uns satt essen und ich habe das erste Mal Maulbeeren probiert. Wir verbrachten einen schöne Zeit, bis wir abgeholt wurden und verständigten uns mit Händen und Füßen.

Dieser Tag war verdammt heiß. Am Abend haben wir im Restaurant Kaukasus bei einem üppigen fünf Gänge-Menü unsere fehlenden Wasserreserven mit armenischen

Rotwein und Bier auffüllen müssen. Die Restaurants sind relativ günstig. Für umgerechnet 8 bis 10 Euro kann man gut essen gehen.

Abendessen im Restaurant Kaukasus
Abendessen im Restaurant Kaukasus

Ein Teil der Gruppe ist dann die letzten fünf km zu Fuß nach Hause gelaufen. Arvik, unser Pensionswirt hat uns dafür ausgeschimpft. Nicht dass wir von den Menschen etwas zu fürchten hätten, aber die Hunde, tagsüber relativ scheu und friedlich, sind nachts nicht ungefährlich.

Unsere Pension ist keine Herberge im klassischen Sinne. Arvik hat sein gerade neu errichtetes Haus für eine zukünftige Vermietung ausgebaut. Bei unserem Kurzbesuch im Oktober hatten wir festgestellt, dass das Ambiente des Hauses den Wünschen von uns Piloten entspricht und es für unsere Reise ausgewählt. Derzeit wohnen darin noch die Kinder und die Haushälterin. Wenn wir mit unseren Gruppen anreisen, werden sie für uns hergerichtet. Die gemütlichen Zimmer für ein oder zwei Personen sind mit allem ausgestattet, was der Mitteleuropäer erwartet.

Ein großer Gemeinschaftsraum und eine große Küche stehen uns zur Verfügung. Die milden Abende verbringen wir in der Regel auf der Terrasse. Der Kühlschrank ist voll mit Bier und Wein, in der Bar stehen Armenischer Weinbrand und Wodka. Da wir zur Aprikosenernte in Armenien waren, konnten wir uns im Garten gütlich tun. Und selbstverständlich gibt dort auch WLAN.

Pension
Pension

Am dritten Tag unserer Entdeckertour waren im nördlichen Teil Armeniens in der Nähe des Aragats unterwegs. Dort gibt es mehrere Bergketten mit Startplätzen. Die Startplätze liegen übrigens in der Regel in unmittelbarer Nähe von Funkstationen. Das hat schlicht und einfachen den Grund, dass dorthin halbwegs passierbare Straßen führen. Voraussetzung um hinzugelangen sind aber grundsätzlich geländegängige Fahrzeuge. Ansonsten darf man überall starten, sofern man auf den Berg kommt.

 

Wieder hat uns die Natur mit seiner Vielfalt beeindruckt. Bei moderaten Temperaturen warteten wir auf den richtigen Startzeitpunkt. Harut flog mehrmals vor, um die Hausbärte zu teste

n. An diesem Tag waren sie leider nur sehr schwach ausgebildet, sodass Schirme mit großer Leistung gefragt waren;-). Nach ein paar Soaring-Runden am Kamm flogen die Piloten mit den „schwächeren“ Schirmen ab um auf einem Plateau irgendwo im Nirgendwo zu laden. Es war schon etwas tricky, sich dort zwischen den Steinen eine geeignete Landefläche zu suchen. Zwei armenische Piloten soffen genauso ob und teilten sich mit uns nach der Landung ihre Rationen an Lawasch und Tomaten. Gemeinsam wanderten wir den Berg hinunter, unseren Autos entgegen.

Startplatz Vardablur
Startplatz Vardablur

Nur Ekkehard, mit seinem Delta 😉 hat es über den Grat hinaus in die Ebene geschafft und ist neben einer Batterie von Bienenstöcken gelandet. Der Imker bewirtete ihn auf das Köstlichste mit Honig, frischem Obst und Wodka. Gemeinsam genossen sie den Tag und hielten im Schatten der Bäume ein Mittagsschläfchen. Obwohl sie keine gemeinsame Sprache hatten, haben sie sich gut verstanden.

Ansonsten ist die Verständigung in Armenien keine unüberwindbare Hürde. Mit Englisch, ein bisschen Russisch und ganz viel guten Willen kommt man immer ans Ziel. Armenisch ist eine der ältesten Schriftsprachen der Welt und ist mit dem Persischen verwandt. Sie hat keine Ähnlichkeit mit dem lateinischen Alphabet und so hatten wir keine Chance diese sie zu entziffern. Es ist jedoch erstaunlich, wie sich im Straßenbild die verschiedenen Schriften vermischen. Die Verkehrshinweisschilder sind grundsätzlich in Armenisch und Englisch beschildert. Die Werbung an den vielen kleinen Läden und Handwerksbetrieben ist einmal Armenisch, die Nächste in Russisch oder in Englisch.

 

Startplatz am Aparan
Startplatz am Aparan

Der nächsten Tag kam und mit ihm unser neues Startgebiet: die Bergkette hinter der gestrigen 😉 Das Gebiet kannten wir schon aus dem letzten Jahr. Weil aber viel Wind den Gipfel umspülte, haben wir einfach unseren Startplatz ein paar Meter tiefer an den Hang gelegt. Da in dieser Höhe keine Bäume und fast keine Sträucher wachsen, stand uns die gesamte Bergflanke als Starthang zu Verfügung. Alle Piloten kamen gut in die Luft und fanden beim ersten oder spätestens beim zweiten Start den Einstieg in die Thermik, die ein stundenlanges Fliegen erlaubte. Die Einen gingen auf Strecke, die Anderen drehten auf und genossen die sanfte Thermik. Patrick musste wurde nach über fünf Stunden zum Landen gehen und Anna und Jens R. erflogen ihre ersten kleinen Strecken und stellten ihren persönlichen Rekord an Airtime auf. Aus einer Höhe von über 4000 m konnte Ekkehard den Aragats und den Kleinen Kaukasus in all seiner Schönheit bewundert. Streckensieger war Jens B., der Aparan, unser vorher festgelegtes Streckenziel erreichte. Dort war unser Treffpunkt bei kaltem Landebier und echtem Moskauer Eis.

In Aparan gibt es ein Einkaufszentrum, ähnlich wie ein Discounter bei uns. Hier findet man für kleines Geld alles für den täglichen Bedarf. Natürlich haben Coca-Cola, Red Bull und Haribo diesen Markt in Eurasien auch schon erreicht. Zum Glück findet man aber auch noch viele einheimische Spezialitäten. Das Besondere in den armenischen Einkaufszentren sind z.B. er im Boden eingelassene Lehmofen, der sogenannten Tonir,  in dem ein sehr leckeres Fladenbrot gebacken wird. Die Öfen gehören übrigens zu Recht zum Weltkulturerbe.

Tonir
Tonir

Die Tage unserer Reise sind ziemlich lang. Um rechtzeitig am Berg sein zu können, gibt es acht Uhr Frühstück und neun Uhr kommt Harut zum Wetterbriefing. Spätestens zehn Uhr sitzen wir in den Autos auf dem Weg zum erfolgversprechendsten Fluggebiet. André, der Fahrer unseres Mitsubishi lenkt bewundernswert ruhig den Neunsitzer durch die wilde Gegend. Sie bringen uns auf (fast) jeden Berg und holen uns über all da ab, wo wir gelandet sind. Im Mitsubishi gibt es WiFi, so dass wir auf dem Heimweg schon die neuesten Nachrichten in die Welt schicken können. In der Pension waren wir nach einem Restaurantbesuch meist erst gegen Mitternacht. Haruts Frau Armina war die ganze Zeit als Rückholerin mit auf Tour. Ihr acht Monate alte Sohn war das jüngste Mitglied unserer Entdeckertour, ging von Arm zu Arm und hat mit seinem freundlichen Wesen uns alle bezaubert.

 

Da am Freitag schlechtes Wetter angesagt war, wir haben uns auf den Weg gemacht noch andere Startplätze zu besichtigen. Es war so ein bisschen der Tag der Pleiten, Pech und Pannen. Immer wenn wir auf einem Gipfel angekommen waren, hatte der Wind gedreht und wir konnten nicht starten. Es waren aber mehrere Startplätze dabei, die wir beim nächsten Mal unbedingt erfliegen wollen. Den Hadis mussten wir teilweise zu Fuß erklimmen, da der steile Hang den Mitsubishi überforderte.

Auf dem Gipfel fanden wir ein Denkmal für einen der besten Piloten Armeniens vor. Dieser war auf der Fahrt zum Fluggebiet verunglückt. Hier bewahrheitet sich wieder einmal, dass das Gefährlichste am Gleitschirmfliegen eben doch die Fahrt zum Startplatz ist.

Denkmal für den verunglückten Gleitschirmpiloten
Denkmal für den verunglückten Gleitschirmpiloten

Zu guter Letzt sind wir in eine steil ansteigende Wiese gefahren. Dies wurde beobachtet und einen kurzen Moment später fuhr ein Jeep, mit drei Bauern besetzt, den Berg hinauf. Sie haben (mit Recht) geschimpft, dass wir das Futter für ihre Rinder zertrampeln.
Nach einigem kurzem aber intensiven Palaver über die Gefährlichkeit hohen Grases für die Kardanwelle haben wir schnell eingepackt und das Feld geräumt. Wir mussten noch schnell zur Vulkanisierwerkstatt, denn wir hatten uns bei der Aktion einen „Platten“ geholt.

 

Schön war der Tag trotzdem. Es ist erstaunlich, wie unaufgeregt Probleme gelöst werden können.

Das Windsystem in Armenien teilt das Land regelmäßig in einen Teil mit Nordwind und einen Teil mit Südwindkomponente. Leider ist die Grenze zwischen diesen Systemen nicht leicht vorher sagbar. Dies ist jedoch unabdingbar, um den optimalen Startplatz für den Tag zu bestimmen. Beeindruckend ist auch der Sturm, der jede Nacht durch die Ebene „pfeift“. Er setzt jeden Tag gegen 16:00 Uhr ein und wird von Stunde zu Stunde stärker.

Fluggebiet am Sevansee
Fluggebiet am Sevansee

Am letzten Tag unserer Reise sind wir noch einmal zum Sevansee gefahren. Leider hatten wir nur begrenzte Zeit zum Soaren, weil eine Regenfront drohend übers Land zog. Deshalb haben wir uns für das nächste Mal aufgehoben, die Bergkette abzufliegen.

 

Wir haben die verbleibende Zeit des Tages genutzt, uns noch weiter im Norden Armeniens umzusehen. Man durchfährt einen Tunnel von ca. 3 km Länge und kommt in einem ganz anderen Land an. War die Gegend vorher von Hängen ohne Bäume und Sträucher geprägt, tat sich vor uns ein bewaldetes Tal auf. An breiten Bächen waren Rastplätze eingerichtet, wo sich die Leute im Waldschatten von der Hitze erholten. Wir besuchten das Kloster Haghartsin Monastrey, dass in den 90er Jahren mit Unterstützung eines Popen und eines Scheichs restauriert worden war. Hier nutzten Harut und Armina die Gelegenheit und besuchten den Baum, den sie während ihrer Hochzeit gepflanzt hatten. Unser nächstes Ziel sollte ein idyllisch gelegener Bergsee sein. Dort wurden wir durch ein neues Freizeitzentrum mit Kletterpark und Bootsverleih überrascht.

Den letzten Abend verbrachten wir zusammen mit unseren Gastgebern bei armenischem Wein und köstlichem Essen im Fischrestaurant am Sevansee.

Landeplatz Sevansee
Landeplatz Sevansee

Fazit ist: Armenien ist für Gleitschirmflieger allemal eine Reise wert. Das Land ist sicher und die Gastfreundschaft legendär.

Die großen Startplätze, die breiten Ebenen und ganz besonders die sanfte Thermik, die bis in die Höhe von 3000 bis 4000 m trägt, lässt auch junge Piloten in einer Woche riesige Fortschritte machen. Die langgezogenen Bergketten bieten erfahrenen Piloten gute Streckenbedingungen.

Wir sind an 6 von 7 Tagen geflogen. Im nächsten Jahr werden wir eine Woche später fahren und erwarten dann noch das stabiler Wetterbedingungen. Zusätzlich haben wir noch für dieses Jahr für die erste Septemberwoche vom 03. – 11.09.2016 eine weitere Tour ausgeschrieben. Wenn sechs Piloten buchen, machen wir uns sofort wieder auf den Weg.

Wir freuen uns auf die nächste Tour und natürlich auf EUCH

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