Gleitschirmfliegen für alle – endlich auch für Menschen mit Gehbehinderung
Wer schlecht laufen kann, musste das Fliegen lange anderen überlassen. Das ändert sich jetzt. Mit dem Flychair, dem ersten offiziell zugelassenen Startwagen für die Gleitschirmausbildung, öffnen wir den Himmel für Menschen, die zuvor ausgeschlossen waren.
Wer es möchte, kann bei uns ganz regulär Pilot*in werden. Und wer „nur“ einmal abheben will, fliegt Tandem. Beides ist möglich, beides ist sicher, und beides ist bei uns längst Alltag.
Ausbildung – individuell und realistisch
Wir bilden Menschen mit Gehbehinderung zu Gleitschirmpilot*innen aus. Der Ausbildungsweg wird individuell abgestimmt, weil jede Einschränkung anders ist und jeder Mensch anders fliegt. Entscheidend ist nicht, was die Beine können – entscheidend ist, dass Arme und Hände die nötigen Bewegungen sauber ausführen.
Parallel bieten wir Tandemflüge an. Ein Start zu Fuß ist keine Voraussetzung. Wer den Traum hat, abzuheben, steigt ein – und wir kümmern uns um den Rest.
Wie alles begann
Der Weg zum Flychair war lang, technisch anspruchsvoll und politisch zäh. Und er begann mit einer einfachen Frage: Warum sollten Menschen im Rollstuhl nicht selbst fliegen?
Christian, Fluglehrer, erzählt:
„Der Gedanke war lange da. Mein Bruder sitzt im Rollstuhl. Als ich selbst Tandempilot und Fluglehrer wurde, war klar: Jetzt kann ich das Thema anpacken. 2015 konnte ich Stefan, einen Schweizer Fluglehrer, bei einer Schulungsreise begleiten. Er suchte Bodenpersonal, ich wollte lernen – perfekte Kombination.“
In Südtirol testete das kleine Team Start- und Landeplätze und arbeitete mit Marius (Ausbildungspilot, inkomplette Tetraplegie) und Benedikt zusammen. Die Erkenntnis nach fünf intensiven Tagen:
Mit funktionierenden Armen und Händen ist das Fliegen mit Flugrolli erstaunlich unkompliziert. Ein paar angepasste Handgriffe, etwas Ausprobieren – und die Starts wurden plötzlich perfekt.
Der lange Weg zur Zulassung
Ab 2016 begann ein zäher, aber letztlich erfolgreicher Prozess. Die nüchternen Fakten:
- 2015: Christian bringt die Idee – das Team der Norddeutschen Gleitschirmschule sagt zu.
- 2016: Erste Testflüge. Skepsis weicht Neugier, dann Begeisterung.
- 2016–2017: Sicherheitstrainings, Manöverflüge, erste Erprobungsfreigaben. Parallel die behördliche Sackgasse: Medizinprodukt oder Luftfahrtgerät?
- 2017–2019: Intensive Recherche und Gespräche. Am Ende steht fest: Der Medizinprodukt-Ansatz war falsch – gemeinsam mit dem DHV wurde ein neuer Weg aufgemacht.
- Seit 2019: Genehmigung von LBA und BMVI, den Flychair im Erprobungsprogramm mit ausgebildeten Piloten einzusetzen.
- 2021–2022: Tests abgeschlossen, Unterlagen finalisiert, passendes Gurtzeug gefunden.
DHV unterstützt finanziell, Advance liefert Gurtzeuge, Ozone gibt ihre Schirme frei. - 2023: Unsere Fluglehrer schulen erstmals aktiv mit dem Flychair.
- 2024: Regelmäßige Tandemflüge für Menschen, die zu Fuß nicht starten können oder wollen.
Der Kontakt zu Betroffenen blieb schwierig – viele Vereine und Verbände waren zurückhaltend. Der entscheidende Impuls kam aus Greifswald, wo Sonja das Projekt mit großem Engagement öffnete. Seitdem steigt die Nachfrage deutlich.
Momente, die zeigen, warum es das alles wert war
- Greifswalder Turnhalle, Rugby-Sportgruppe: Der Startwagen wurde geprüft, angefasst, kritisch beäugt – und die ersten wagten eine Sitzprobe.
- Tandemflüge ab 2024: Menschen, die das Fliegen für sich längst abgeschrieben hatten, schweben wieder über den Wolken. Wer das sieht, versteht sofort, warum das Projekt wichtig ist.
- Juni 2025: Erster Schnupperkurs mit Thomas (Paraplegie). Ein großer Schritt für ihn – und ein wichtiger Lernmoment für unser Team.
- Juni 2025: Rund 30 Menschen mit körperlichen Einschränkungen, darunter Rollstuhlfahrer und blinde Teilnehmende, erleben ihren ersten Gleitschirmflug. Möglich wurde dieser Tag durch die Initiative von Sonja Bade und ihrem Team der BDH-Klinik Greifswald sowie durch die Arbeit vieler Helfer, Tandempiloten und Fluglehrer – darunter Ruben, Philipp, Lenny, Ines und Peter – und die zahlreichen Unterstützer am Startplatz.
- Juli 2025: Morena absolviert ihren Schnupperkurs. Nach einem Tag Groundhandling hebt sie das erste Mal allein ab. Ein Moment, der alle Beteiligten kurz innehalten ließ. Sie steht kurz vor Abschluss ihres Grundkurses.
- Kurz darauf folgt Christian, der seinen Schnupperkurs ebenfalls souverän meistert und die Ausbildung beginnt.
- Durch einen Medienbericht wird die Sparkassenstiftung Berlin auf uns aufmerksam. Jessy, die an Friedreich-Ataxie erkrankt ist, hat einen Herzenswunsch: Gleitschirmfliegen. Diesen Wunsch konnten wir ihr erfüllen.
Danke – ohne euch wäre das Projekt nie vom Boden gekommen
- Christian Schäfer – für Idee, Ausdauer und die vielen praktischen Stunden am Flychair.
- DHV – für fachliche Begleitung und finanzielle Unterstützung.
- FlyOzone – für die Freigabe ihrer Schirme.
- Advance – für schnelle und unbürokratische Unterstützung bei den Gurtzeugen.
- Ruben Mahlknecht – für das Lehrcurriculum.
- Lenny und das gesamte Team der Norddeutschen Gleitschirmschule – für Ruhe, Herz und die Fähigkeit, dranzubleiben.
Seit Sommer 2025 bildet ihr aktiv aus – und das merkt man.
Und jetzt?
Jetzt fliegen wir. Und wir bilden aus.
Der Flychair ist kein Sonderprojekt mehr, sondern ein Werkzeug, das Menschen mit Gehbehinderung eine echte Option gibt: nicht nur mitzufliegen, sondern selbst Pilot*in zu werden.
Wer fliegen will, bekommt eine Chance.
Nicht theoretisch – praktisch.
Wenn du mehr wissen willst oder es ausprobieren möchtest: Melde dich.
Wir heben ab, sobald du bereit bist.


